Pfarrkirche St. Michael

St. Michael

Von der Gründung bis Heute

(aus der Broschüre: "ST. MICHAEL" Aachen-Burtscheid von Helmut und Ingrid Doerenkamp)

I.     Zur Geschichte der Pfarre und der Kirchenbauten

Die
Pfarrkirche St.Michael in Aachen Burtscheid steht in einem untrennbaren
geschichtlichen und baugeschichtlich - architektonischen Zusammenhang
mit der unmittelbar benachbarten ehemaligen Abteikirche St.
Johann-Baptist. Gelegen auf der im Südosten das Wurmtal begrenzenden
Anhoehe, dem Johannesberg und dem Michaelsberg, bilden beide Kirchen
eine unverwechselbare und im Rhein-Maas-Gebiet einzigartige barocke
Stadtkrone. Als ehemalige "Leutkirche" der Abtei ist die Michaelskirche
die aelteste Pfarrkirche für die Bewohner Burtscheids und hat im Laufe
ihrer Geschichte eine eigene Bedeutung und Auspraegung erlangt.

Von einer Pfarrkirche und damit einer Pfarre St.
Michael erfahren wir erstmals aus einer Urkunde des Kölner Erzbischofs
Konrad von Hochstaden, ausgestellt zwischen Ende Juni und dem 17.
November 1252. Durch sie gliederte er der Burtscheider Johannisabtei
die Pfarrkirche St. Michael ein und uebertrug der Aebtissin und dem
Konvent der Zisterzienserrinnen den Kirchenzehnt, den die Bewohner von
Burtscheid an die Pfarrkirche St. Michael zu zahlen hatten. Zur
Begruendung verweist die Urkunde auf die schweren wirtschaftlichen
Schaeden, die die Abtei anlaesslich der Belagerung der Kroenungsstadt
Aachen durch Wilhelm von Holland 1248 erlitten hat. Diese Uebertragung
setzt sowohl ein aelteres Patronatsrecht des Klosters als auch einer
bereits existierende Pfarre und Pfarrkirche St. Michael voraus.

Das Kloster auf dem Johannisberg, 997 durch Otto III.
als kaiserliche Gruendung angelegt und von seinem Vertrauten, dem
frueheren Abt Gregor (= 4.11.999) des Basilianerklosters St. Andreas in
Cerchiara, Kalabrien, als Gruenderabt geleitet, erhielt durch Kaiser
Heinrich II. am 21.1.1018 aus kaiserlichem Besitz das Rodungsgebiet
zugewiesen, das im wesentlichen die spaetere "Herrlichkeit Burtscheid",
das heutige Stadtgebiet Burtscheid/Frankenberg umschließt sowie im
Laufe der Zeit viele weitere Besitzungen und Rechte. Die "villa
Porceto" ist aus dem Gebiet der "villa Aquisgrana", dem karolingischen
Pfalzbezirk, ausgegliedert worden. Eine Urkunde Heinrichs III. vom
6.6.1040 gliedert auch die "Koenigsleute" aus Burtscheid aus dem
Zehntbezirk der Pfalzkirche St. Maria, der Haupt- und Mutterkirche
Aachens, aus und machte sie zu Klosterleuten, die nunmehr dem
Benediktinerkloster Burtscheid abgabe- und dienstpflichtig wurden und
zu dem sie jetzt also auch kirchlich und rechtlich gehoerten. Mit der
Landzuweisung von 1018 fielen die Gebiete des Burtscheider Altdorfes
links des Wurmbaches, der die alte Dioezesangrenze zwischen dem Bistum
Luettich - zu dem das Aachener Marienstift gehoerte - und dem Erzbistum
Koeln bildete, aus dem Luetticher Sprengel an Koeln, was auf der
Aachener Provinzialsynode von 1023 entschieden wurde.

Wann es zur Gruendung der Pfarre St. Michael und zum
Bau der ersten Pfarrkirche gekommen ist, ist nicht bekannt, jedoch mit
Sicherheit vor 1252. 1215 erfolgten Schenkungen an alle Aachener und
Burtscheider Kirchen; bei diesen wird St. Michael nicht genannt. Ein
Streit um Pfarrrechte der Abtei mit dem Dekan des Marienstiftes, der
1230 durch einen Vergleich beigelegt wurde, laesst eine Kompensation
von Pfarrrechten fuer dem Marienstift verlorengegangene Zehntrechte an
St. Michael vermuten (Thomas Wurzel), so dass eine Gruendung zwischen
1215 und 1230 anzunehmen ist. Das Michaelspatrozinium kommt bisweilen
bei fruehen Gruendungen von dem Benediktinerorden zugehoerenden Kirchen
oder Kapellen vor - St. Michaels als der Heilige der Hoehen, auf denen
Benediktiner gern siedelten -, aber der Erzengel erscheint oft auch als
Patron von anderen Kirchen und Pforten vor anderen Kirchen - so hier
vor dem Immunitaetsbezirk des Johannesklosters - oder als Patron von
Kirchhoefen (Michaelskirchhof und z.B. Michaelskapelle am
Kanonikerkirchhof des Aachener Muensterstiftes).

Mit der Gruendung der Pfarre duerfte aus die aelteste
Michaelskirche errichtet worden sein. Seit 1252 der Kirchenzehnt an die
Zisterzienserinnen, denen im Winter 1220/21 anstelle der Benediktiner
das Kloster auf dem Johannesberg uebertragen worden war, uebergegangen
war, hatte dieses auch die Unterhaltspflicht fuer den Pastor
uebernommen. Dieser besaß nun zwar nicht mehr die Selbstaendigkeit
eines Pfarrers, hatte aber weiterhin alle pfarrlichen Aufgaben zu
verrichten. Dafuer spricht auch die Einrichtung eines Sendgerichts an
St. Michael. Papst Alexander IV. bestaetigte dem Kloster die
Inkorporation am 3.5.1256 unter der Bedingung, dass der Kaplan aus den
Einkünften unterhalten werden muesse. Eine spaetere Urkunde, die auch
die Residenzpflicht fuer den Vikar der Kirche fordert, nennt als
Einkommen fuer ihn die "Opfergaben, die Geschenke, den kleinen Zehnt
sowie 1 Mark un 2 Schillinge"; 1353 sind es jaehrlich 10 Mark Aachener
Waehrung. Fuer die Unterhaltung der Pfarrkirche wurde folgende Regelung
getroffen: Das Kloster hatte fuer den Chor, das Langhaus und die beiden
kleinen Glocken zu sorgen, waehrend die Gemeinde den Turm und die
Bannglocke, der Pastor die Sakristei und spaeter auch den Chor zu
unterhalten hatte.

Lukas van Valckenborch

Gegen
1352 ist die aelteste romanische Kirche um ein gotisches Chor erweitert
worden. Eine Ansicht der Kirche auf dem aeltesten Gemaelde Burtscheids
(1570) von Lukas van Valckenborch und eine Grundrisszeichnung Couvens
vor deren Abriss 1748 erlauben eine genauere Beschreibung der ersten
Michaelskirche: "Das hohe, im Laufe der Zeit leicht durchgesackte
Satteldach ist ueber die Seitenschiffe gezogen. Der mächtige romanische
Westturm hat eine abgewalmte Dachhaube mit geknicktem Fuß. Ein
Turmkreuz ueber dem Westort und eine Wetterfahne auf dem oestlichen
Firstende bekroenen dieses Turmdach. Große Arkaden oeffnen sich in dem
gequaderten Mauerwerk oberhalb der gekoppelten Schalloecher der
Glockenstube. Seitlich neben dem Turm steht ein kapellenartiger Anbau.
Durch hohe Maßwerkfenster erhaelt der fuenfseitige gotische Chor mit
seinen einfach gestuften Pfeilervorlagen reichlich Licht, waehrend die
kleinen Fenster der Schiffswaende korbbogig enden und aus Naturstein
(Blaustein) gebildete Blenden aufweisen. Zur Nordseite betritt man die
(dreischiffige) Kirche durch eine zweifluegelige Tuer. Vier Fenster
unterteilen die Langhausmauern. Die Eingangstueren befanden sich auf
der Sued- und Nordseite dicht an der westlichen Mauer. Diesem Raum
fuegte sich nach Osten der Chor von etwa 8,35 m Laenge und 7,50 m
Breite an.

...Die Kirche maß etwa 28,70 m in der Laenge bei
einer Breite von etwa 14,35 m. An die Nordseite lehnte sich ein nahezu
quadratischer Kapellenraum. Moeglicherweise stand in ihm der
"Sebastianusaltar" (Kuepper).

Andererseits koennte es sich hier oder aber in der
Turmhalle um das Baptisterium gehandelt haben. Die Ausstattungstuecke
der Kirche sind nicht bekannt. Die wertvollen Geraetschaften mussten
sogar nach jedem Gottesdienst in einem besonderen Kasten in die Abtei
gebracht werden.

Um die Wende zum 17. Jh. war die Michaelskirche so
reparaturbeduerftig geworden, dass eine Re-novierung auf Kosten der
Abtei und der Pfarrei bis 1625 durchgefuehrt wurde. 1748 machte die
romanische Saeulenbasilika mit gotischem Chor dann einer neuen Kirche
platz.

In der Regierungszeit der baufreudigen Aebtissin Anna
Karola Margarete von Renesse (1713 - 1750) und Maria Antonia von
Woestenrath (1750 - 1759) erfolgte der fast gleichzeitige Neubau der
beiden Kirchen St. Johannes und St. Michael unter dem bedeutenden
Stadtarchitekten Johann Joseph Cou-ven (1701 - 1763). Beide Kirchen
bestimmen bis in die Gegenwart hinein die einmalig schoene Silhouette
aus der Wurmtalansicht, die Stadtkrone Burtscheids.

Die Abteikirche St. Johann (1735-41 und 1748-54), die
bedeutendste Barockkirche zwischen Maas und Niederrhein, war Couvens
geniales Frühwerk; es findet Parallelen im mainfraenkischen und
italienischen Barock. Die Pfarrkirche St. Michael dagegen wurde 1747
geplant und in der kurzen Bauzeit von 1748 bis 1751 errichtet, als der
reifere Couven der damals moderneren und strengeren klassizistischen
franzoesischen Architektur zuneigte. Vorbilder zu St. Michael kann man
in Paris (St. Sulpice und St. Roch) und in Luettich (Jesuitenkirche)
finden. Auch sind Einfluesse J.C. Schlauns anzusetzen.

Die Michaelskirche ist aus dem Grundschema der
Pfeilerbasilika der Hochrenaissance in barockisierender Ausformung
(Schoenen) entwickelt. Nicht die barocke Kuppel, sondern ein
Gleichgewicht von Westturm mit Laterne und Vierungshaube mit Vase und
Zwiebeltuermchen; nicht eine unterordnende Anordnung der einzelnen
Bauteil, sondern eine reihende - sollten ihren aeußeren und inneren
Charakter bestimmen. Allerdings dann die Ausfuehrung der Couvenschen
Plaene durch die knappen Geldmittel der Abtei bestimmt. Das erste,
reiche und sofort reife Kirchenprojekt (siehe nachstehend) musste
Couven zum Nachteil der Kirchengestalt zugunsten eines stark
reduzierten zweiten Projektes aufgeben. Der Chor wurde eingedrueckt,
das Querhaus ohne Apsiden gebaut, das Langhaus um ein Joch verkuerzt,
der romanische Turm beibehalten und zu beiden Seiten mit
Kapellenraeumen versehen.. Statt der von Couven geplanten Vorhalle
wurde ein kleiner, rechteckiger Raum angebaut.

Schon nach drei Jahren Bauzeit war 1751 die
Michaelskirche in der reduzierten Ausfuehrung vollendet. Couven hatte
die schon bei der Kuppelkirche St. Johann bewaehrten Tiroler Handwerker
Gebrueder Franz (Maurermeister) und Paul (Zimmermeister) Klausener mit
der Ausfuehrung des Baues beauftragt. Den Blaustein hatte man aus dem
abteilichen Steinbruch "Katzenkuyle" bei Buschhausen am ehemaligen
Kornelimuensterweg gewonnen, die Ziegelsteine vermutlich in der Naehe
der Baustelle gebrannt. Auch die Innenausstattung der Michaelskirche
stand unter dem Diktat der Sparsamkeit. Nur drei Altaere,
Kommunionbank, Kanzel und eine bescheidene Orgel sind ausgefuehrt
worden.

Couven: Reicher Entwurf

Im
alten Reich war der Pfarrsprengel von St. Michael identisch mit der
"Herrlichkeit Burtscheid" gewesen. In der Folge der Saekularisation des
Johannesklosters 1802 und der Eingliederung der Rheinlande in den
franzoesischen Staat traten einschneidende Veraenderungen in der Pfarre
auf. Am 18.3.1804 trat eine neue, vom damaligen Ersten Konsul Napoleon
genehmigte Pfarrumschreibung in Kraft, die auch durch die Neuordnung
von 1806 und 1808 nicht weiter veraendert wurden. St. Michael in
Burtscheid wurde als Kantonalpfarrei für den Kanton (Kreis/Dekanat)
Burtscheid zu einer Pfarrei erster Klasse mit 17 Succursalpfarreien, zu
denen 1806 als 18. Hilfspfarrei St. Johann-Baptist gelangte. Das
Dekanat Burtscheid umfasste auch die Pfarreien Brand, Kornelimuenster,
Breinig, Vennwegen, Hahn, Walheim, Forst, Eilendorf, Haaren,
Verlautenheide, Weiden, Wuerselen, Kohlscheid, Richterich, Laurensberg,
Orsbach und Horbach. Der Pfarrer von St. Michael erhielt den Titel
Oberpfarrer.

Mehr als 100 Jahre nach der Errichtung der
Couvenkirche wurden weitere Veraenderungen an der Michaelskirche
durchgefuehrt. In den Jahren 1857 bis 1862 scheint man neue
Kirchenmoebel angeschafft zu haben. Auch brach man nach 1860 die
scheunenartige Vorhalle ab und schuf einen kastenfoermigen
neoromanischen Vorbau mit reich geschmuecktem Portal und
zweifluegeliger neobarocker Tuer; bekroent wurde dieser Vorbau mit den
heute noch vorhandenen Plastiken an der Außenfront von St. Michael.

1872 begann der Kirchenmaler Michael Welter mit der
Ausmalung der bis dahin weiß gekaelkten Kirchenwaende im Innern. Man
begann mit dem Chorraum: die Pilaster wurden weiß marmoriert, die
Kapitelle vergoldet, die Wandflaechen in Spiegel eingeteilt und mit
musivischen vielfarbigen Ornamenten in Kreuz- und Sternform
ausgeschmueckt. In der Chorkonche wurde nach romanischem Vorbild
Christus als Weltenrichter dargestellt. Auch die Kuppel war im 19. Jh.
bereits ausgemalt worden. Indem man an deren Thematik anknuepfte,
fuehrte man dann die Ausmalung des Langhauses ebenfalls in
neoromanischem Stil fort. Unter Leitung von Joseph Buchkremer wurden
die Aufbauten von Hochaltar und Seitenaltaeren 1898 durch den Bildhauer
Mueller umgestaltet. Eine bauliche Sanierung der Michaelskirche war
zuvor noch um 1875 durchgefuehrt worden.

In den 1880er Jahren wuchs die Zahl der Seelen in den
beiden Burtscheider Pfarren so stark an, dass die Kirchen viel zu klein
wurden. Die Michaelsgemeinde entschied sich zunaechst statt fuer den
Bau einer dritten Burtscheider Kirche fuer eine Erweiterung von St.
Michael. Die Plaene des Aachener Architekten Peter Friedrich Peters,
der 1901 - 03 auch den Neubau der Marienkapelle in Burtscheid
durchfuehrte, wurden am 6.2.1891 genehmigt. Der mittelalterliche Turm
wurde bis auf die Fundamente niedergelegt und die Kirche um zwei Joche
nach Westen erweitert. Die beiden ehemaligen Seitenkapellen wurden zur
Verlaengerung des Langhauses neu eingewoelbt und das vierte Joch in der
Form eines Scheinquerhauses verbreitert. Eine geschweifte Orgelbuehne,
auf zwei Saeulen ruhend, ragte nunmehr vor der oberen Turmhalle in den
Kirchenraum hinein. Ein neuer, im Sinne des Wilhelminischen Zeitalters
proportionierter Turm veraenderte erheblich die urspruengliche
Couvensche Konzeption. Im Unterbau des Turmes sind Architekturteile,
Rahmungen und Figuren der Vorhalle von 1860 in der entsprechenden
Anordnung wiederverwendet worden. Das Glockenstubengeschoss erhielt ein
breit umlaufendes Blausteinprofil, auf dessen Eckkroepfungen große
Wasserspeier angebracht waren. Vier achteckige Tuermchen flankierten
die Uhrengiebel. Eine vierseitige Zeltkuppel leitete zu der achteckigen
Laterne ueber, der eine Zwiebelhaube mit hohem Spitzhelm aufgesetzt war
(nach Kuepper; siehe untenstehendes Bild). Das Chronogramm 1892 zeigt
das Datum der Fertigstellung an. Die Konsekration erfolgte erst am
21.7.1900 durch den Koelner Erzbischof Simar.

Schon bald wurden die Malereien in der Chorkonche in
Anlehnung an die inzwischen neugebaute Filialkirche von St. Michael,
die Herz-Jesu-Kirche, durch eine Herz-Jesu-Darstellung ersetzt. 1901
wurde auch die Sakristei durch einen rund um den Chor gefuehrten Bau
mit Mansarddach erweitert. In dieser Baugestalt, die bis zu den
Bombennaechten des Zweiten Weltkrieges das Bild der St. Michaelskirche
bestimmte, ist sie den aelteren Burtscheidern noch in lebendiger
Erinnerung.

Nach der stuermisch verlaufenen Baugeschichte im
Frankenberger Viertel (ab 1872) hatte nun doch eine dritte Burtscheider
Pfarrkirche erbaut werden muessen. 1899 gruendete sich der
Kirchbauverein, 1908-10 erfolgte der Bau der Filialkirche Herz-Jesu im
durch einen Bahndamm kuenstlich abge-trennten Burtscheider Stadtviertel
Frankenberg in neoromanisch-byzantinischem Stil (Professor Kleesattel,
Duesseldorf). Mit der Errichtung von Herz-Jesu ging vor allem das
Frankenberger Viertel fuer die Pfarre St. Michael verloren. Am
1.10.1941 uebernahm das neugebildete Rektorat St. Alfons weitere Teile
von der Kirchengemeinde St. Michael.

Suedansicht um 1905

Im
Bombenkrieg des Zweiten Weltkrieges hat, wie Burtscheid insgesamt und
auch die Schwesterkirche St. Johann-Baptist, die Pfarrkirche St.
Michael schwerste Zerstoerungen erlitten. Es begann mit dem zweiten
Großangriff in der Nacht des 5.10.1942, als nach der Explosion einer
Luftmine im Burtscheider Krankenhausgarten die Kirche fuer den
Gottesdienst nicht mehr benutzbar war. Der dritte Großangriff auf
Aachen vom 14.7.1943 zerstoerte u.a. durch Brand Dach, Turmhelm,
Vierungskuppel und Gewoelbeteile im Langhaus der gerade wieder
hergerichteten Kirche. Der vierte Großangriff vom 11.4.1944 traf mit
zerstoererischer Wucht vor allem den historischen Kern von Burtscheid,
u.a. das wiederum erneuerte Dach von St. Michael. Die Gewoelbe mussten
spaeter abgerissen werden; lediglich das Kreuzgewoelbe im Chor, die
Tonnengewoelbe im Querhaus, die Pendentifs der Vierung und die
Haengekuppeln der Seitenschiffe aus Ziegelsteinen hatten den
Sprengbomben standgehalten. Der groeßte Teil der barocken
Inneneinrichtung war verbrannt. Burtscheid und seine beiden
Couvenkirchen boten einen grauenvollen Anblick. Die Pfarrgemeinde St.
Michael erhielt am 18.11.1945 den Bunker im ehemaligen Burtscheider
Kurhaus als Notkirche zugewiesen.

Der Wiederaufbau der Pfarrkirche St. Michael nach dem
Zweiten Weltkrieg glich in vieler Hinsicht einem Neubau. Die beiden
Architekten, die diesen Wiederaufbau leisteten, waren Peter Salm
(1942-58) und Hans Kuepper (1958-84).

Den ersten Gottesdienst in der vorlaeufig
instandgesetzten Pfarrkirche konnte die Pfarrgemeinde am 13.11.1949
feiern. Eine Holzbalkendecke ueberspannte die Kirchenschiffe, statt der
Vierungskuppel ueberdeckte eine Kalotte aus Rabitz die Vierung. Das
geschieferte Mansarddach wurde durch ein abgewalmtes Ziegeldach
provisorisch ersetzt.

Bis zum 8.7.1958 wurden dann auch die fehlenden
Gewoelbe eingezogen und der provisorische Wiederaufbau vorlaeufig
abgeschlossen (Architekt Peter Salm, Aachen). Unter der Leitung des
Aachener Architekten Hans Kuepper wurden in den folgenden mehr als
zweieinhalb Jahrzehnten die Innenausstattung der Kirche und ihre
aeußere Gestaltung in Annaeherung an Couvensche Vorstellungen zunehmend
vervollstaendigt (s. Baubeschreibung). Das nordrhein-westfaelische
Kultusministerium in Duesseldorf und der Landeskonservator Rheinland
hatten bereits 1978 erklaert, dass die Wiederherstellung der beiden
Burtscheider Kirchen mit ihrer einmaligen Silhouette "von nationaler
Bedeutung" sei, und sie hatten folgerichtig die finanzielle Last bei
der Wiederherstellung mitgetragen; den uebrigen hohen Anteil trugen
Bistum, Pfarrgemeinde und private Spender.

Infolge der zunehmenden Besiedlung Burtscheids seit
dem Zweiten Weltkrieg wurde eine weiter Filiation von St. Michael
notwendig. Die Plaene fuer ein neues Pfarrzentrum, das mit Kirche,
Pfarrheim, Priesterwohnung und Kindergarten geplant war (Architekt
Sandhoff), musste man aus finanziellen Gruenden reduzieren. Stattdessen
wurde ein neuartiges Konzept, ein Gemeindezentrum, baulich verwirklicht
(Architekt Hubert Olion) und am 14.11.1970 eingeweiht. Bis heute bilden
St. Michael und St. Aposteln pfarrlich eine Einheit.

II.     Baubeschreibung der Kirche St. Michael

Das langgestreckte Kirchengebaeude mit etwas nach NO
verschobener Ausrichtung anstelle einer exakten Ostung erstreckt sich
parallel zum Talverlauf auf der Bergkuppe des Michaelsberges. Auf einem
kraeftigen Sockel mit Blausteinverblendung, die an der Nordseite
unterbrochen ist und Reste des Mauerwerks vom romanischen Vorgaengerbau
sichtbar werden laeßt, erhebt sich das aus Ziegelmauerwerk errichtete
Bauwerk, von dessen dunkelrosa Anstrich sich die hellen
Blausteinfassungen der Gesimse, Fenster- und Tuergewaender sowie die
Portalrahmung der Westseite deutlich abheben. Die Gesamthoehe des
Turmes einschließlich der Michaelsfigur betraegt 49 m, die gesamte
Laenge der Kirche 52 m, die Breite des Querhauses 21,50 m.

Dem hohen, von zwei niedrigen Seitenschiffen
flankierten Langhaus von fuenf Jochen ist nach Osten ein breites
Querhaus vorgelagert, das außen aber nur geringfuegig aus der
Fluchtlinie des Langhauses hervortritt. Letztere wird ebenfalls von dem
vierten, breiteren Langhausjoch durchbrochen, an dessen Stelle bis 1891
der romanische Turm mit den begleitenden Seitenkapellen gestanden hat
und das nun fast querschiffartig die Seitenschiffe durchschneidet. An
das oestliche Querhaus schließt sich der aus einem Rechteckjoch und
einem dreiseitigen Chorhaupt bestehende Chorraum an. Er ist von
niedrigen Sakristeibauten umgeben. Im Westen erhebt sich vor der Mitte
des Langhauses der dreigeschossige, 1891/92 in neobarocken Formen
errichtete, durch Blausteingesimse gegliederte Turm (Architekt Peter
Friedrich Peters). Die Portalzone ist reich ausgestattet; hierbei wurde
das reich geschnitzte, zweifluegelige Eichenportal von 1892 wieder
verwendet (1984 restauriert). Eine elfstufige Treppe fuehrt zu ihm
hinauf, und es wird von der Werksteinblendarchitektur aus den Jahren
1861/62 umrahmt. Diese traegt in der Hoehe des zweiten Turmstockwerks
plastischen Schmuck: eine durch einen Rundbogen und einen Dreieckgiebel
betonte Nische umschließt eine Statue Marias mit dem Jesuskind, "St.
Maria, sine labe concepta"; ihr zur Seite stehen vier musizierende
Engel (Figurengruppe - Bildhauer Gottfried Goetting, 1860). Das
Glockengeschoss darueber wird von großen Rundbogenfenstern in
Blendnischen betont. Den Turmabschluss bildet eine ausdrucksvolle
Blausteinbalustrade mit Vasenbekroenung an den Ecken (Hoehe der
Bruestungsplattform 24,30 m), hinter der die Laterne aus Stahlbeton mit
der zierlichen, zwiebelfoermigen Schieferhaube aufsteigt, die ein
vergoldeter Knauf abschließt (Hoehe 16,50 m; Architekt Hans Kuepper,
1972/73). Bekroent wird der Turm seit 1974 von einer als Windfahne
ausgearbeiteten vergoldeten Figur des Kirchenpatrons St. Michael (Hoehe
1,20 m; Bildhauer Bonifatius Stirnberg) auf einem schmiedeeisernen
Kreuz (Hoehe 7 m; Gebr. Schoenbrod). An der Nordseite des Turmes ist
ein schmaler, rechteckiger Treppenturm mit kleinen, blausteingerahmten
Fenstern angebaut. Die suedliche Turmwand zeigt im Erdgeschoss eine
portalartige, blausteinverblendete Fensternische mit dem Chronogramm
1892:

sanCtl MIChaeLIs

Der neue Turm vermehrt

patronl In Vrbe DeCVs

den Ruhm des Patrons

noVa aVXIt tVrrls

Michael in der Stadt

(Burtscheid)

Die Schmuckformen und Wandgliederungen an Langhaus
und Chor sind sparsamer gehalten. Ein kraeftiges, mehrfach gestuftes
Dachgesims umzieht das gesamte Gebaeude und betont die Konturen. Die
Waende des Quer- und Pseudoquerschiffes werden durch Blendnischen bzw.
-felder strukturiert und an den Ecken durch abgerundete, profilierte
Kanten betont. In die noerdliche und suedliche Querhauswand sowie in
die Waende des Chorjoches sind große, die Obergadenzone einschließende
rundbogige Fenster mit einer sparsam gequaderten Blausteinrahmungen
eingelassen, in der mittleren Wand des Chorhauptes oeffnet sich ein
rundes Okulusfenster. An den Waenden der Seitenschiffe bezeichnen
jeweils vier groeßere Stichbogenfenster und entsprechend kleinere im
Obergaden des Hauptschiffes die Jocheinteilung des Innenraums. Oberhalb
der Seitenschiffe (Dachrestaurierung 1983) erfolgt eine weitere leichte
Wandgliederung durch schmale, bis zum Dach hochgefuehrte schlichte
Streben als Fortsetzung des Mittelpfeiler, deren Abschluss sich mit dem
Gesims verbindet. Ein zweites Portal in schlichter Blausteinrahmung
befindet sich in der suedlichen Querschiffwand unterhalb des großen
Fensters, zwei weitere in den Seitenwaenden des Scheinquerschiffes,
wobei dasjenige an der Nordseite seit 1986 mit einer Rampe fuer
Rollstuhlfahrer ausgestattet ist. Das in seinem unteren Abschnitt von
zierlichen Gauben unterbrochene schiefergedeckte Mansarddach
(Firsthoehe 18,70 m) gipfelt in einer dreistufigen, vasenbekroenten
Vierungshaube (Hoehe 24,10 m; 1979-82 nach Plaenen Couvens
wiederhergestellt durch Hans Kuepper). Die oestliche Firstspitze wird
durch ein Kreuz betont.

Das Innere der dreischiffigen Pfeilerbasilika ist
nach seiner Restaurierung 1985/86 (Architekt Herbert Queck) und
Ausmalung (1986; Emil Philipp/Santiago Cardo) von einer hellen, zarten
Farbigkeit. Die farbliche Fassung unterstuetzt in Ihrer Wirkung die
vorgegebene Raumarchitektur und fuegt sich in Stilmerkmalen und
Maltechnik der klassizistischen Architektur ein. Die Ausmalung mit
mineralischen Farben ist von drei Elementen gekennzeichnet: Die Wand-,
Decken- und Gewoelbeflaechen weisen eine einheitliche Farbgebung
(hellrosa bzw. hellblau) auf, die durch Uebertupfung strukturiert ist.
Zwei verschiedene Marmorierungen, eine staerkere fuer Mittelschiff und
Chor, eine zurueckhaltendere zu den Seitenschiffen hin, betonen die
vertikalen und horizontalen Baustrukturen, wobei der Wechsel der
Marmorierung dem Wechsel der Profilierung der Pfeilersockel folgt. Die
Teilvergoldung der Kapitelle und weiterer Architekturglieder hebt die
plastischen Elemente hervor.

Fuenf Pfeilerpaare auf kraeftigen Blausteinsockeln
teilen das aus fuenf Jochen gebildete Langhaus in das breitere und
verhaeltnismaeßig hohe Mittelschiff (Hoehe des Gewoelbescheitels 12,70
m, des Gesimses 7,70 m) und zwei schmalere, niedrigere Seitenschiffe
(Hoehe 8 m). Zum Mittelschiff hin nehmen die auf kraeftigen und lebhaft
gemusterten Pilastervorlagen ruhenden reich geschnitzten, vergoldeten
Kapitelle das vielfach gestufte, durch ein marmoriertes Band
unterteilte, weit vorkragende Gesims auf. Darueber setzen die
Gurtboegen der unterschiedlich breiten Tonnengewoelbe mit Stichkappen
an. In dreiviertel Pfeilerhoehe nehmen weitere, zurueckhaltender
marmorierte Pilastervorlagen die Gurt- und Schildboegen der
Seitenschiffjoche auf, die mit Haengekuppeln eingewoelbt sind. Jedem
Langhausjoch ist an beiden Seiten jeweils ein kleines Stichbogenfenster
im Obergaden, ein groeßeres in den Seitenschiffwaenden zugeordnet. Die
gesamte Fensterverglasung besteht aus einem schlichten Rechteckbleinetz
mit leicht farbig getoenten Antikglasscheiben. Auch im Innern der
Kirche ist das vierte Joch, die Stelle des frueheren Turmes,
hervorgehoben. Es ist breiter als die uebrigen Joche, und seine Arkaden
durchbrechen mit ihrer groeßeren Hoehe das umlaufende Gesims und sind
durch eine besondere Stukkatur akzentuiert. In den zugehoerigen
Seitenschiffen befinden sich die hinteren Eingangstueren.

Ueber die Vierung woelbt sich, eingespannt zwischen
die Vierungsboegen und die Pendentifs, die fensterlose Rundkuppel
(Hoehe 17,50 m). Den unteren Rand umzieht ein feingestuftes Gesims
(Hoehe 13,20 m). In der Mitte der Flachkuppel ist das Lamm Gottes mit
der Triumphfahne in einer Strahlen- und Wolkenglorie dargestellt. Hier
wie auch in den Chorgewoelben werden die besondere Bedeutung der Raeume
und das Firmament in Form von goldenen Sternen angedeutet. Die
Querschiffarme mit geradem Abschluss sind wie die Mittelschiffjoche
durch je eine Gewoelbetonne mit Stichkappen gedeckt. An der Nord- und
Suedwand durchbrechen die großen Rundbogenfenster ebenso sie die
Arkaden des Scheinquerschiffes das Gesims. In der Suedwand befindet
sich zusaetzlich eine Eingangstuer.

Grundriss (H. Queck)

Der um eine Stufe erhoehte Chor besteht aus einem kreuzgewoelbten
Rechteckjoch und einem dreiseitigen, bis auf den Okulus fensterlosen
Chorhaupt. Die Pilastergliederung und die Gesimsfuehrung - letztere
wieder wie in den Querschiffen durch die großen Chor- und Rundfenster
unterbrochen - setzen sich hier in einer reicheren Stufung und
Ausgestaltung der Pilaster und Kapitelle fort, wobei das von einer
Strahlenglorie umgebene Okulusfenster die Mittelpartie besonders
akzentuiert. Durch die flach ausschwingenden, fensterlosen Waende des
Chorpolygons mit der darueber befindlichen Teilkuppel erhaelt der
Chorraum eine konzentrierende Geschlossenheit. Die leichte Schwingung
der Seitenwaende setzt sich fort in den Kehlungen der oestlichen
Vierungspfeiler und der Ostdecken des Querhauses sowie in der
Linienfuehrung der Chorstufe und wird wieder aufgenommen in den
Tuergewaendern des Scheinquerschiffes. Unter den Chorfenstern befinden
sich die Eingaengen zur Sakristei bzw. zu einer Werktagskapelle.

An das Langhaus schließt sich im Westen die Turmhalle
an. Sie ist im unteren Teil mit einem durch flache Pilaster
gegliederten Blausteingewaende versehen, in das an der Suedseite die
Kriegergedaechtnistafel eingemeißelt ist. An der Nordseite befindet
sich der Zugang zum Treppenturm. in der Weihnachtszeit ist die
Turmkapelle Standort der bedeutenden Barockkrippe, die der
Pfarrgemeinde 1986 gestiftet worden ist. Ein reich gestaltetes,
schmiedeeisernes, zweifluegeliges Gittertor (Neo-Rokoko; um 1900 nach
einem Entwurf von Joseph Buchkremer) ermoeglicht die Abtrennung der
Turmhalle vom Langhaus.

Der Fußboden der Kirche ist mit einheitlich getoenten
Blausteinplatten ausgelegt, die mit den Pfeilersockeln korrespondieren.
Im Chor weist der Boden eine farbige Gestaltung auf: dunkel- und
helltoenige Blausteinplatten wechseln mit rosa Marmorfliesen aus St.
Remy. Das geschweifte dreistufige Blausteinpodium vor dem Altar hat,
gerahmt von dunkeltoenigen Blausteinplatten, einen perspektivisch
wirkenden dreifarbigen Belag (nach Entwuerfen Couvens).